vom 17. bis 20. Mai 2016
Schwerpunkt: Diagnose – Hilfe oder Etikett?

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Vielfalt diagnostischer Ansätze im Suchtbereich wächst durch immer neue Verfahren ständig an. Dazu gehören Screenings im Bereich von Epidemiologie, Frühintervention und Versorgungsplanung ebenso wie Klassifikationssysteme zu Verwaltungszwecken oder Instrumentarien zur differentiellen Therapiezuweisung, zur Steuerung des therapeutischen Prozesses und zur Erfolgsbeurteilung in Katamnesen. Sie verändern sich mit neuen krankheitstheoretischen Modellvorstellungen und therapeutischen Methoden, sind von Interessen auf Anbieter- und Politikerseite sowie von Ressourcen und technischen Entwicklungen bestimmt. Der Anspruch einer umfassenden Diagnostik in bio-psycho-sozialen Modellen scheint mittlerweile durch unbegrenzte Speicherkapazitäten einlösbar, kann aber auch in unüberschaubare Datensammlungen ohne Nutzen für die Kranken münden. Die Forderung nach Evidenzbasierung verlangt nach Standardisierung und Zusammenfassung, das hoch individuelle Krankheitsgeschehen dagegen nach Flexibilität und Variabilität in der therapeutischen Begegnung. Bei den häufigen chronischen Verläufen wird immer wieder neu dokumentiert, ermüdend für Patienten und Behandler. Eine Zusammenführung von Daten bringt wiederum ihre eigenen Vor- und Nachteile mit sich. Die Verfeinerung und Ausweitung standardisierter Diagnosen schließlich, wie zuletzt anlässlich der Einführung des DSM 5 kritisch diskutiert, birgt ein Risiko für stigmatisierende Etikettierung und vorschnelle Pathologisierung unangepasster, jedoch nicht krankhafter Verhaltensweisen…